K3 No. 7 - November 2018
| 07 | 2018 25 Orientierung Schwerpunkt Wer bin ich, wer will ich sein – aber auch: wo stoße ich an Akzep- tanzgrenzen? Kinder sollen verschiedene Lebensentwürfe vorurteils- frei kennenlernen. LGBTIQ* – ein Thema im offenen Kindertreff im Arnulfpark? Geht doch! Aus der Beobachtung unterschiedlicher Situationen im offenen Kindertreff zum Thema sexuelle Orientierung und Leben in unter- schiedlichen Familienformen entstand die Frage, wie wir das Thema mit den Kindern vertiefen können. Welche Aktionsformen und Angebote sind für 6- bis 10-jährige Kinder passend und altersgerecht? Wie kann das Thema Regenbogenfamilie spielerisch aufgegriffen und dabei nicht nur allein durch sprachsensible Haltung bearbeitet werden? Auch in Bezug auf die Elternarbeit stellte sich die Frage, wie die Haltung unseres Treffs nach außen argumentiert wird. Unser Ziel dabei ist, dass Kinder – schon vor der Pubertät – die unterschiedlichen Liebesbeziehungen wertfrei kennenlernen, um mit den verschiedenen Facetten von Liebe und Geschlechterrollen besser umgehen zu können. Bei der eintägigen Fortbildung „Fachwissen zu gleichgeschlecht- lichen Lebensweisen“, die die Landeshauptstadt München anbietet, erhält man einen guten Einblick in die Thematiken Coming-out (Pha- senmodell), Diskriminierung und Homophobie, die Lebenssituation schwuler und lesbischer Migrantinnen und Migranten und Jugendlicher sowie Regenbogenfamilien. Die sehr theoretisch ausgelegte Fortbildung bot allerdings keine Methoden für die Offene Kinder- und Jugendarbeit an. Wir möchten deshalb von uns erprobte Methoden zu diesem Thema aus dem offenen Kindertreff im Arnulfpark vorstellen. Geschichte mit offenem und überraschendem Ende Das bunt illustrierte Buch „König und König“ von Linda de Haan und Stern Nijland erzählt von einem verzweifelten Prinzen, der sich einfach nicht verlieben will – in keine noch so interessante und lustige Prinzessin. Doch dann kommt Prinzessin Liebegunde mit ihrem Bruder Prinz Herrlich und es ist um den Prinzen geschehen. „Was für ein bildschöner Prinz!“, rufen beide Prinzen begeistert. Sie heiraten und von nun an regieren „König und König“. Warum findet der Prinz keine Prinzessin, die er heiraten möchte? Wir fragten die Kinder, wie der Prinz doch noch glücklich werden könne. Ein Mädchen sagte sofort: „Da kommt gleich eine noch schönere Prin- zessin und dann ist er verliebt.“ Auch die anderen Kinder der Gruppe bestätigten das: „Ja klar, gleich ist eine noch viel, viel schöner und alle werden glücklich.“ Das Buch wurde nach diesen Ideen der Kinder gemeinsam zu Ende gelesen. Dass zwei Prinzen heiraten, erwartete niemand, es wurde gelächelt. Den Kindern war die Liebesgeschichte gar nicht so überaus wichtig. Stattdessen besprachen sie die Illustrationen am Ende des Buches. Für die Kinder war das kein großes Thema, es schien kein Redebedarf vorhanden zu sein und bald gingen sie wieder anderen Beschäftigungen nach. Die Kinder waren zwar vom Ausgang der Geschichte überrascht, hatten aber noch keine eigenen Wertmaßstäbe zu diesem Thema ent- wickelt. Also ein guter Zeitpunkt, Kindern Ideen über die Vielfalt von sexuellen Orientierungen zu geben, ohne dass Vorurteile bewältigt werden müssen. Improvisationstheater anhand einer Buchgeschichte Dasselbe Buch wurde von uns für ein kleines Improvisationstheater genutzt. Die Kinder, die mitmachen wollten, zogen einen Zettel mit einer Rolle. Jungen zogen dabei unter anderem eine Prinzessinnenrolle und auch Mädchen hatten die Gelegenheit, einen Prinzen zu spielen. Die verschiedenen Rollen konnten aber auch untereinander getauscht werden. Ein Kind las die Geschichte am Rande der Theaterbühne vor. Kostüme und Theaterschminke standen zur Nutzung bereit. Keines der Kinder kannte die Geschichte, so dass sie unvoreingenom- men zu den vorgelesenen Zeilen Theater spielten. Alle hatten sichtlich Spaß daran, sich auf der improvisierten Teppich-Bühne darzustellen. Als der Prinz sich jedoch in den Prinzen verliebte, löste das Fragen und Unverständnis aus. Warum endet die Geschichte so? Alle hatten auch jetzt noch Spaß, das Schauspiel stand klar im Vordergrund. Der Redebedarf im Anschluss war allerdings groß. Seitdem ist immer wieder Thema, wie es ist, schwul oder lesbisch zu sein. Durch die Ge- Was hilft dir dabei, dich gut alleine in deinem Stadt- teil oder auch in deiner Freizeit zurechtzufinden? » Merkmale, z.B. verschiedene Häuser. Wege, die ich schon oft gelaufen bin, Straßenschilder … und ich kann andere Leute fragen oder eine Karte würde mir helfen. « Lily, 10 (Kindertreff AKKU) Wer oder was gibt dir Orientierung in deinem Leben? » Ich mir selber. « Junge, 14 (Laimer) Foto: Spielhaus Sophienstraße
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