K3 No. 5 - Juli 2018

| 05 | 2018 23 Heimat Schwerpunkt Brauchtum oder Kommerz? Gestern – heute – morgen Brauchtum – insbesondere Brauchtums- und Traditionsfeste wie der Kocherlball in München, Maibaumfeste oder Sonnwendfeuer – erleben einen Boom, wie man ihn noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Wurden doch die, die sich der Brauchtumspflege verschrieben hatten, gerne für erzkonservativ angesehen, das Tragen von Lederhose und Dirndl war verpönt. Ende der 1990er Jahre prägte der damalige Bun- despräsident Roman Herzog die Metapher von „Laptop und Lederhose“ und meinte damit die Ankunft der Tradition in der Moderne. Doch wie wurde daraus ein Trend? Konstanten gesucht Wenn man sich überlegt, was uns die Zeit, in der wir leben, bietet, stellt man fest, dass das Leben immer schneller wird und uns die Technik geradezu überrennt. Jeder braucht immer das neueste Smartphone, die neueste Spielekonsole, die neuesten technischen Gimmicks. Auch in Arbeit und Beruf werden die Anforderungen permanent höher, Zeit- und Leistungsdruck steigen. Hinzu kommt, dass Arbeitsplätze und Wohnraum oft nicht mehr dauerhaft zur Verfügung stehen und wenig Sicherheit bieten. Die Schere zwischen denen, die mit dem Konsum und dem Tempo der Zeit Schritt halten können, und denen, die dabei auf der Strecke bleiben, öffnet sich immer weiter. Da ist man auf der Suche nach Konstanten. Jugendliche wie Erwach- sene sehnen sich nach Beständigkeit, nach etwas, das von Dauer ist; Bodenständigkeit, Wurzeln. Auf Veranstaltungen zur Brauchtums- und Traditionspflege findet man genau das. Bräuche und Traditionen stiften Identität, schaffen Anerkennung und ein Wir-Gefühl in der Gruppe. Man ist per du und die Atmosphäre ist familiär. Egal, ob beim Tanzen oder am blank geputzten Biertisch: Der Einstieg in ein Gespräch fällt leichter als in einer Bar oder einem Club. In Zeiten, in denen Singles die Großstadt beherrschen und Dating-Apps Hochkonjunktur haben, stellt sich die Kontaktaufnahme bei einer dieser Veranstaltungen ungleich leichter dar. Jeder trägt Lederhose oder Dirndlgwand. Dabei ist es egal, ob die Lederne maßgeschneidert und vom Hirsch ist oder von der Stange. Tracht hat keine angesagten Labels, die man haben, tragen und vorzeigen muss. Unterschiede verschwinden. Vom Bauar- beiter bis zur Bankerin, vom Mittelschüler bis zur Abiturientin – alle sind auf einmal gleich. Zwischen Verklärung und Aufklärung Tracht tragen ist dabei nicht einfach nur ein Gewand tragen. Tracht tragen vermittelt ein Lebensgefühl und eine Grundeinstellung zum Hier und Jetzt. Tracht tragen schafft Sicherheit und kokettiert dabei immer auch ein bisschen mit der Nostalgie, mit dem verklärten Blick auf die gute alte Zeit. „Es war eine liebe Zeit, die gute, alte Zeit vor anno 1914. In Bayern gleich gar. Damals hat noch Seine Königliche Hoheit der Herr Prinzregent regiert, ein kunstsinniger Monarch, denn der König war schwermütig. Das Bier war noch dunkel, die Menschen war’n typisch, die Burschen schneidig, die Dirndl sittsam und die Honoratioren ein bisserl vornehm und ein bisserl leger. Es war halt noch vieles in Ordnung damals.“ 1 Dabei haben es Tracht, Tradition und Brauchtum inzwischen ge- schafft, diese Beständigkeit aus der erzkonservativen Ecke ins Heute zu holen und über moderne Elemente im Alltag zu platzieren. Vorbei sind die Zeiten der Uniformierung von Tracht. Erlaubt ist, was gefällt. Die Kombinationsmöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Und auch in der Musik finden vielfältige Einflüsse aus der ganzen Welt ihren Platz. Trotzdem ist die Basis unverkennbar. Handgemacht und unverfälscht. Beständigkeit, wo nur noch wenig wirklichen Bestand hat. Oder um es mit Theodor Heuss (1884 – 1963) zu sagen: „Nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wohin er geht.“ Christoph Saur, Bayerische Trachtenjugend im Isargau – Bayerische Heimat- und Volkstrachtenvereine e.V., Sitz München 1 Aus „Königlich Bayerisches Amtsgericht“, TV-Serie zwischen 1968 und 1972 Tradition und Moderne schließen sich nicht gegenseitig aus – im Gegenteil Was bedeutet für Dich Heimat? » Heimat ist für mich eigentlich Syrien, aber da ist es gefährlich. Deshalb sind wir nach Deutschland gekommen, weil es hier sicher ist. Deutschland ist für mich jetzt auch Heimat, weil ich hier schon lange bin und mich wie zuhause fühle. « Novella, 10 (Abenteuerspielplatz ABIX) Was bedeutet für Dich Heimat? » Meine Heimat ist für mich ein wunderschöner Ort. Dort habe ich meine Wurzeln. Ein sicheres Gefühl und ein schöner Ort. In jedem Menschen ist ein Teil dieser Wurzeln. Ich finde, wenn man seine Heimat nicht kennt, kennt man einen Teil von sich selbst nicht. « Dijana, 15 (pfiffTEEN) Foto: Michael Graber

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