K3 No. 5 - Juli 2018

Dachzeile 22 das kommt | 05 | 2018 Heimat Schwerpunk Heimat in der Fremde Und woher kommst du? Ein türkisches Sprichwort besagt: „Heimat ist nicht da, wo man geboren ist, son- dern da, wo man satt wird.“ In Deutschland gibt es ein anderes Sprichwort: „Man weiß nicht, was man an der Heimat hat, bis man in die Fremde kommt.“ Beide Sprichwörter gehen davon aus, dass man nur eine Heimat haben kann. Vielleicht kennt die deutsche Sprache deswegen das Wort Heimat nicht im Plural. Was aber bedeutet Heimat für Menschen, die sie verlassen mussten? Gibt es eine Heimat in der Fremde? Und kann es vielleicht zwei oder sogar mehrere Heimaten geben? Die globalisierte Welt hat das Leben des Einzelnen und die Anforderungen an Mobilität und Flexibilität stark verändert. Diese Entwicklung zieht einen neuen Heimatbegriff nach sich. Heimat ist nicht mehr die idealisierte Vor- stellung einer längst vergangenen Lebenswelt. Heimat ist auch nicht mehr zwingend an einen Ort gebunden. Heimat ist zum Plural geworden. Heimat im Plural Deutschland hat sich in den letzten 60 Jahren verändert. Millionen Menschen aus der ganzen Welt kamen aus verschiedenen Gründen nach Deutschland und suchten hier ein besseres Leben in Freiheit und Sicher- heit. Sie streben gesellschaftlichen und beruflichen Aufstieg an. Viele, die zunächst nur vorübergehend kamen, haben hier eine neue Heimat gefunden. Aus dieser Einwanderung ist eine große Vielfalt entstanden. Neue Generationen verschiedener Herkünfte wachsen gemeinsam in Deutschland auf. Dennoch wurde über Jahrzehnte darüber diskutiert, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei. Diese Debatte hat das Zugehörigkeitsgefühl der Einwanderer zu diesem Land beeinträchtigt. Die ständige Frage „und woher kommst du?“ zeigt immer noch einen verkrampften Umgang mit den bzw. dem Fremden. Die alte Vorstellung von Heimat passt nicht mehr in eine Gesellschaft, in der viele Menschen gebrochene Lebensläufe haben. Ein neues Be- wusstsein entsteht, ein neues Deutschlandgefühl, eine neue Art von Heimat. Heimat ist da, wo ein Heimatgefühl sich entwickeln kann. Sie ist eine Lebenswelt, in der sich Menschen mit ihren Bedürfnissen nach Identität, Sicherheit und Gemeinschaft zuhause fühlen und ihre Zugehörigkeit nicht infrage gestellt wird. Heimat bedeutet deshalb auch, Fremdheit zuzulassen. Sichtweisen der Generationen Katarina Vojvoda-Bongartz 1 hat in einer Untersuchung mittels qualitativer Fragebögen Migrantinnen und Migranten der ersten und zweiten Generation zum Thema Heimat befragt. Sie kommt zu folgenden Ergebnissen: • Die erste Generation sieht vordergründig ihr Herkunftsland als Heimat und nennt in diesem Zusammenhang Landschaften, Orte, Sprache, Familie und Kindheit als heimatstiftende Phänomene. Diejenigen, die sich bewusst und aktiv von ihrer alten Heimat verabschiedet hatten, beschreiben ihr Gefühl von Heimat als mobil. • Die Migrantinnen und Migranten der zweiten Generation definieren Heimat als etwas, was es real nicht gibt. Fremdheitsgefühle werden für beide Bezugsorte beschrieben, wobei die emotionale Tendenz sich eher auf das Herkunftsland richtet – pragmatisch wird aber Deutschland als Heimat vorgezogen. In der familiären Lebenswelt lernen sie die kulturellen Regeln und Werte ihrer Eltern, welche für den hiesigen Alltag oft unzulänglich, unpassend und fremd sind. Vojvoda-Bongartz kommt zu dem Schluss, dass der überwiegende Teil dieser Gruppe in einem „kulturellen Dazwischen“ lebt und einen neuen „transkulturellen Raum“ sucht. Erst mit der Existenz eines solchen Raumes kann Heimat neu begründet werden. Deutschland – Heimat für alle Migrantinnen und Migranten bringen kulturelle Traditionen, religiöse und politische Überzeugungen mit. Gleichzeitig ist der Kontakt zum Herkunftsland durch Medien intensiv. Sie und ihre Kinder fühlen sich in mehreren Kulturen zuhause, sie vereinen mehrere Identitäten in sich. In der Integrationsforschung hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass weder eine Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft eine Rückweisung der Verbundenheit mit der Herkunftskultur bedeutet, noch die Identifikation mit der Herkunftskultur eine Ablehnung der Aufnahme- gesellschaft markiert. Migrantinnen und Migranten können in ihrem Alltag je nach Lebenssituation zwischen den verschiedenen kulturellen Bezugs- und Orientierungssystemen wechseln. Die Rede von sogenannten „Parallelgesellschaften“ verkennt dabei, dass trotz unterschiedlicher po- litisch-religiöser Orientierungen von Einheimischen und Einwanderern im alltäglichen Zusammenleben freundschaftliche Beziehungen sowie Nachbarschaften entstehen und diese von beiden Seiten gewünscht sind. Wer Heimat zu einem politischen Begriff macht, teilt die Bevöl- kerung eines Landes in die, die dazugehören, und die, die Fremde sind. Cumali Naz, Beauftragter für interkulturelle Arbeit, KJR 1 Siehe Vojvoda-Bongartz, Katarina (2012): »Heimat ist (k)ein Ort. Heimat ist ein Gefühl«: Konstruktion eines transkulturellen Identitätsraumes in der systemischen Therapie und Beratung. In: Kontext 43 (3): S. 234-256. Foto: Inessa Podushko, pi xe lio.de Was ist Heimat für Dich? Heimat ist ein Gefühl. Hineinkuscheln in eine weiche, warme De- cke. Zur Ruhe kommen, langsam werden und verweilen. Anhand von Gerüchen und Eindrücken zurückkommen in eine Zeit, in der das Hier und Jetzt wichtig war, das In-sich-Ruhen, Entdecken, Begreifen und Verstehen. Kindheit eben. Von was ich spreche, lässt sich für viele besonders zur staaden Zeit nachvollziehen. „Advent und Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unserem dunklen Erdenweg ein Schein aus der Heimat fällt“ Mach dich auf die Suche und du wirst bestimmt fündig. Bayerische Trachtenjugend Die Seer singa in ihrem Lied „Hoamatgfühl“: A Land zum Lem, a Hoamatgfühl, A Weg zum geh, miteinonda bis zum Ziel. Des is a Plotz zum gspian, des Hoamatgfühl, konn so berührn, dass dei Traum dort wohr wean will. Es gibt ma Kraft ob i reah oder lach.

RkJQdWJsaXNoZXIy Mjk2NDUy