K3 No. 4 - Juni 2018

| 04 | 2018 21 Jugend – Medien – Schutz Schwerpunkt Pädagogischer Einwurf vom Seitenaus Kindheit, Jugend und digitale Medien Wenn hier die Rede von durchaus Bedenkenswertem zum Thema digitale Medien, Kindheit und Jugend ist, möchte ich klarstellen: Es geht nicht um eine Kritik an diesen Medien und auch nicht um eine Unterschätzung von Kompetenzen, sondern um eine pädago- gische Kritiklosigkeit, wie diese Veränderungen unseren Blick auf Kindheit und Jugend – und auf Jugendschutz – verändern werden. Darüber hinaus konnten in dieser Phase des gesellschaftlichen Um- bruchs Prozesse der Entwurzelung, die zu Verelendungserscheinungen vor allem bei jungen Erwachsenen führten, beobachtet werden. Die Klagen von Luther bis zu Grimmelshausen über umherziehende und verrohte Jugendbanden legen darüber beredt Zeugnis ab. In diesen historischen Erscheinungen von Bildungs- und Reintegrationsbedarf liegen die Begründungen von dem, was wir heute Erziehung nennen. Zu Beginn der historischen Neuzeit widmeten sich auch die großen Philosophen, z.B. Johann Comenius oder Immanuel Kant, pädago- gischen Fragestellungen. Immer deutlicher wurde dabei, dass ein Kind mehr benötigt als rein inzidentelles Aufwachsen, sondern dass es einen Plan brauchen würde, der schließlich in heutigen Curricula endet. Dieser Plan wählt bewusst aus, welche Inhalte Kinder in welcher Form und Methode in welchem Alter lernen sollen. Dieser Plan beinhaltet literales Wissen zum Lesen, Schreiben und Verstehen, eine Erziehung zum angepassten oder kritischen Bürger – ganz allgemein: Fähigkeiten, um sich zu ernähren, fortzupflanzen und zu kommunizieren. Besonders im deutschen Sprachraum wird unter Bildung mehr als berufliche Kompetenz und gesellschaftliche Integration verstanden, sondern zudem die Entwicklung der Persönlichkeit als humanistisches Ideal betrachtet. Etwas später kamen weitere Vorstellungen hinzu, in deren Mittel- punkt die Überzeugung steht, dass auch Persönlichkeit und Identität Lernprozesse sind, die dem Erwachsenenleben vorausgehen. An die Stelle elterlicher Gewalt, staatlichem Druck und religiöser Indoktrina- tion tritt die Idee vom mündigen Bürger bzw. der mündigen Bürgerin, die nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte haben. Dieser Prozess ist untrennbar mit der Vorstellung verbunden, dass die Reifung der Persönlichkeit an die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten gekoppelt ist. Dementsprechend handelt es sich um eine sehr lange Phase, die sich über den Verlauf der letzten 400 Jahre ausgedehnt hat und in deren Mittelpunkt die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen stehen. Die Lernwelten unterscheiden sich von den Le- benswelten; Lernwelten sind immer ausgewählt, exemplarisch und im Wortsinn emanzipatorisch. Bildung durch Bilder Schon mit der Entwicklung der Fotografie, in der Folge mit der Erfindung des Fernsehens und schließlich durch das Internet und so- ziale Medien findet eine radikale Veränderung statt: An die Stelle des mühsamen Lernens tritt die Unmittelbarkeit des Bildes. Im Unterschied zur literalen Kultur, die ein Verstehen zum Ziel hat, zielen Bilder direkt auf Emotionen ab. Ein Foto, wie das des schreienden Mädchens im Vietnam-Krieg, ist ebenso ein ikonografisches Bild wie das des toten Flüchtlingskinds am Strand. Diese Bilder berühren, rütteln auf – aber befähigen sie auch zu einem moralischen Denken und politischen Han- deln? Was, wenn diese Bilder nicht echt wären? Ihre Wirkung hätten sie in jedem Fall. Die Bildhaftigkeit der digitalen Medien wirkt unmittelbar. Diese Bilder sind permanent verfügbar. Es bedarf weder besonderer kognitiver Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben noch besonderer körperlicher Entwicklungen. Es geht darum, dass Kinder heute nicht mehr von jeder Nichtigkeit und Brutalität ausgeschlossen sind. Alles kann immer und überall auf einem wenige Zoll großen Gerät gesehen werden. Nicht die Phantasie in manchen PC-Spielen sind das Problem, sondern die Realitäten und Scheinrealitäten, die als Bildinformation abrufbar sind, ohne dass die kognitiven Fähigkeiten oder die geistige Reifung schon entwickelt wären. Vorstellungen vom „kompetenten Kind“ oder die Betonung von Selbstlernprozessen laufen Gefahr, die Bedeutung der pädagogisch Tätigen, die ein Verständnis von Kindern und Jugendlichen haben, zu leugnen oder sie zu Hilfsarbeiterinnen und -arbeitern zu degradieren. Wer muss vor wem geschützt werden: Kinder vor Medien oder wir vor düsteren Horrorszenarien? Bild: Dieter Sc hü tz, pixelio.de Es geht auch nicht um PC-Spiele oder digitale Kommunikation, son- dern um den Bereich Information und Bildung. Philippe Ariés weist in seinem Buch „Die Erfindung der Kindheit“ darauf hin, dass „Kindheit“ als Begriff für einen sehr jungen Menschen relativ neu ist – in die Zeit des Wechsels vom Mittelalter zur Neuzeit fällt. Die Begriffe für Kinder in den Hochkulturen der Antike bezeichneten nicht die Kindheit aller Menschen, sondern bezogen sich nur auf das Heranwachsen der Jugend der adligen bzw. herrschenden Klasse. Dabei ging es auch immer um Erziehung zur Ausübung des Militärs oder des Regierens. Kinder sind keine Mini-Erwachsenen Bis in das 15. bzw. 16. Jahrhundert hinein gab es keine Vorstellung davon, dass Kinder und Jugendliche Wesen mit einer eigenen Ge- fühlswelt, Verarbeitungsfähigkeit und Wahrnehmungen sind. In allen Kunstwerken vor dieser Zeit werden Kinder als „Mini-Erwachsenen“ dargestellt. Vorstellungen von Bildsamkeit, geistigen Reifeprozessen oder Identitätsbildung gab es nicht. Dementsprechend nahmen die Kinder unmittelbar am Leben der Erwachsenen teil, sei es im häuslichen Ehebett oder bei öffentlich vorgenommenen Folterungen und Hinrich- tungen. Dass Kinder an diesen Erlebnissen Schaden nehmen konnten, lag völlig außerhalb der Vorstellung. Die Lebenswelt der Erwachsenen war gleichzeitig die Lernwelt von Kindern und Jugendlichen. Im ausgehenden Mittelalter setzten mehrere Entwicklungen ein, die diesbezüglich zu einer Veränderung führten. Auf ökonomischer Ebene bedingten die Entwicklung des Handels, die einsetzende Merkantilisie- rung des Handwerks und die Zunahme der Bevölkerung in Städten ein erstes Auseinandertreten von Beruf und Familie und damit einen Bedarf an Erziehungseinrichtungen für einen größeren Teil der Bevölkerung.

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