K3 No. 4 - September 2020

| 04 | 2020 29 Alles anders. Oder? Jugendarbeit in Corona-Zeiten Schwerpunkt Ist zu befürchten, dass Jugendliche dauerhaft wegbleiben? Das glaube ich nicht. Wenn der Ort wieder als angenehmer empfunden wird, kommen sie wieder. Wir haben in dieser Zeit viele neue Angebote ausprobiert: Geräusche identifizieren, verschiedene Online-Challenges und „Frag Freizi“ – ein Wissensformat, mit dem wir auch über die aktuelle Situation informieren wollen. Vieles davon wird bleiben. Wie ist es Dir persönlich ergangen? Unser Berufsstand erfordert gewissermaßen von Beginn an ein Höchst- maß an Flexibilität. Als Pädagoginnen und Pädagogen können wir uns schnell auf neue Situationen einstellen. Es ist aber schon eine enorme Belastung, nicht zu wissen, was in der nächsten Woche sein wird. Und ich schaue ein wenig mit Sorge auf die politischen Rahmenbe- dingungen. Offene Arbeit ist zwar ein extrem wichtiger Baustein für Heranwachsende – aber eben eine freiwillige Leistung. Die Corona-Krise könnte dazu führen, dass man bei Quantität und Qualität Abstriche machen muss. Waren all die Maßnahmen aus heutiger Sicht angemessen? Man muss feststellen, dass Kinder und Jugendliche lange Zeit nicht im Fokus der Politik standen; Biergärten kamen vor Heranwachsenden. Und der Informationsfluss von den Behörden zu uns war eher zäh. Das hat für Verunsicherung gesorgt. Die Situation ist nicht hoffnungslos. Wir müssen lernen, auf Sicht zu agieren. Aber ich bin sicher, dass wir das in jedem Fall meistern werden. Kinder und Jugendliche brauchen dauerhaft Unterstützung Jugendarbeit ist systemrelevant Die Corona-Krise wird nicht mit der Freigabe eines Impfstoffs be- endet sein. Zur Bewältigung der Pandemiefolgen braucht es unter anderem eine wirkungsvolle Jugendarbeit, damit junge Menschen nicht auf der Strecke bleiben. In Krisenzeiten zeigt sich, was für das gesellschaftliche Zusam- menleben wirklich relevant ist. Die Jugendarbeit mit ihren vielen ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gehört dazu. Durch Kontaktbeschränkungen und die Schließung von Schulen, Kindertageseinrichtungen und Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit waren junge Menschen sehr früh und massiv von den Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung betroffen. Für die Kolleginnen und Kollegen im Kreisjugendring München-Stadt (KJR) war es das Signal, in ihre Kostüme als Superheldinnen und -helden zu schlüpfen. In dieser Ausnahmesituation und unter stän- dig wechselnden Rahmenbedingungen fanden sie in kurzer Zeit neue Möglichkeiten, für Kinder und Jugendliche da zu sein. Sie gestalteten innovative Angebote (digital und analog) und alternative Beratungs- formen, organisierten die Notbetreuung in den KiTas, hielten in der Schulsozialarbeit Kontakt, druckten kostenlos Schulunterlagen fürs Home-Schooling aus, ermöglichten Sommerferienangebote … Die Liste ist lang. Mit Kreativität, Mut und Innovationskraft hat Jugendarbeit gezeigt, was sie kann und vor allem, welche zentrale Bedeutung sie hat. Denn als sich die öffentliche Debatte noch um die Fußball-Bundesliga drehte und die Politik über Rettungsschirme für Unternehmen diskutierte, waren wir für Kinder und Jugendliche da. Dafür erwarten wir kein Klatschen oder Dankeschön, denn wir haben einfach unseren Job gemacht. Aber wir erwarten Planungssicherheit und geeignete Rahmenbedingungen, unter denen unsere Arbeit künftig gelingen kann. Nicht nur für den KJR muss das Ziel heißen: Wir dürfen Kinder und Jugendliche in dieser schwierigen Zeit nicht allein lassen. Der Lockdown hat deutliche Auswirkungen auf die psychische, seelische und körper- liche Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Sie und ihre Familien brauchen langfristige, bedarfsgerechte Unterstützung – auch nach Corona. Selbst nachdem ein Impfstoff zugelassen und sich das alltägliche Leben wieder normalisiert haben wird, wird die Krise längst nicht beendet sein. Corona wird weitreichende Folgen für unsere Gesellschaft haben. Entscheidend wird sein, ob wir diese Gesellschaft solidarisch gemeinsam gestalten oder ob die Veränderungen zulasten einkommensschwacher Bevölkerungsteile und der jungen Generation gehen. Die Spaltung zwischen arm und reich wird durch die Krise ze- mentiert. Das wird beispielsweise bei den materiellen Voraussetzungen für Home-Schooling und damit verbunden bei erfolgreichen Schulab- schlüssen deutlich. Hier müssen wir dringend gegensteuern und jungen Menschen Unterstützung und sichere Zukunftsperspektiven bieten. Das kostet Geld und Ressourcen. Aber was würde es unsere Gesellschaft kosten, es nicht zu tun? Jugendarbeit – „must have“ auch nach Corona Die UN-Kinderrechtskonvention garantiert gelingendes Aufwachsen und umfassende Beteiligungsrechte junger Menschen. Die gibt es na- türlich nicht umsonst. Positive Signale aus der Münchner Stadtpolitik machen Mut, dass wir auch im neuen Stadtrat einen verlässlichen Partner haben, der sich seiner Verantwortung bewusst ist. Jetzt gilt es, gemeinsam Lobbyarbeit für die Bedürfnisse junger Menschen und die Relevanz von Kinder- und Jugendarbeit zu machen. Die Kommunen werden die anstehenden Herausforderungen aller- dings nicht allein bewältigen können. Hierzu braucht es nicht nur eine zeitlich befristete Unterstützung, sondern eine dauerhafte finanzielle Judith Greil, Vorsitzende des Kreisjugendring München-Stadt Foto: Kerstin Groh » Mich kotzt es an, dass mehr über die Bundesliga gesprochen wird als über uns Kinder. Caro, 12 Jahre

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